Entstehung der Dokumentationsstelle

Die Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur (Knastliteratur) ist Anfang der 8oer Jahre an der Universität Münster aufgrund einer Initiative von Prof. Helmut H. Koch entstanden.
Mit der Diskussion um ein bundeseinheitliches Strafvollzugsgesetz (1977 in Kraft getreten) und ersten zaghaften Reformen ergaben sich für die Gefangenen neue Möglichkeiten des Schreibens im Gefängnis.
Viele Gefangene, oft auch aus sozial unterprivilegierten Bildungsschichten, versuchen jetzt die Möglichkeiten zu nutzen und verfassen Texte in den unterschiedlichsten Formen: literarische Texte (Gedichte, Erzählungen, Satiren, Romane, Theaterstücke, Hörspiele, Essays), Erfahrungstexte, Reportagen, Briefe.

Es erschienen seit den siebziger Jahren auch vermehrt Gefangenenzeitungen, die von Gefangenen verfasst und gestaltet wurden (wenn auch häufig nicht ohne Eingriffe der Gefängnisleitung). In den achtziger Jahren gab es in der Bundesrepublik bereits in mehr als 50 Gefängnissen solche Zeitschriften, die zumeist mehrmals im Jahr erschienen.

Da diese neue literarische und journalistische Schreibkultur in der Öffentlichkeit überwiegend desinteressiert oder gar ablehnend rezipiert wurde und nirgendwo eine zentrale Sammelstelle dafür existierte, richtete Prof. Koch (zus. mit Uta Klein) eine entsprechende Dokumentationsstelle ein. Sie wurde 1986 Bestandteil der "Arbeitsstelle Randgruppenkultur/literatur", die neben der Aufgabe des Sammelns auch die der Unterstützung, Vernetzung und wissenschaftlichen Auswertung beinhaltete.

1989 war die Dokumentationsstelle auch an der Gründung des Ingeborg- Drewitz-Literaturpreises für Gefangene mitbeteiligt, der seit 1989 alle drei Jahre für die besten Texte aus dem Knast (Knastliteratur) vergeben wird. Diese Arbeit ist bis heute kontinuierlich fortgesetzt worden (Veröffentlichungsliste).

2008 ergab sich mit dem Ruhestand von Herrn Prof. Koch eine neue Situation. Die Arbeit der Dokumentationsstelle wird fortgesetzt, jetzt aber schwerpunktmäßig in digitaler Form. Die zentrale Sammelstelle ist auf verschiedene Standorte aufgeteilt: Bibliothek Germanistisches  Institut Universität Münster(Gefangenenliteratur), Universitätsarchiv Uni Münster (nicht veröffentlichte literarische Texte und Korrespondenz), Bundesarchiv Koblenz (Gefangenenzeitungen, vollständige Sammlung seit Anfang der 70er Jahre,ca. 6000 Exemplare).

Neben der Fortsetzung der Archivierungs-, Vernetzungs- und Auswertungsarbeit wird künftig zugleich eine stärkere Einbeziehung der Öffentlichkeit in die Wahrnehmung und Verbreitung der Gefangenenliteratur (Knastliteratur) angestrebt.