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Der Lichtblick

Grußwort

Von Prof. Dr. Helmut Koch Universität Münster, Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur

Ich möchte Ihnen ganz herzlich zum 40jährigen Bestehen Ihrer Zeitschrift gratulieren. Der "lichtblick" ist eine der wenigen Gefangenenzeitungen, die über einen so langen Zeitraum Bestand gehabt haben. Dies ist, zumal unter den Bedingungen des Strafvollzugs, eine großartige Leistung.

Mein Glückwunsch bezieht sich jedoch nicht nur auf die historische Kontinuität, sondern vor allem auch auf die herausragende journalistische Qualität Ihrer Zeitung während dieser langen Zeit. Sie ist ein unverzichtbares Informatorium für alle, die am Strafvollzug interessiert sind und trotz oder auch wegen der massiven Mauern und der vielen anderen Abschottungsmechanismen des Gefängnisses einen differenzierten und authentischen Eindruck vom tatsächlichen "Leben" in dieser Institution gewinnen wollen. Die Dokumentationen, Erfahrungsberichte und Fakten lesen sich konkret und seriös. Die grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit dem Strafvollzug finden auf hohem Niveau statt und scheuen nicht vor berechtigter, oft scharfer Kritik zurück. Ich lese immer wieder Rechtshinweise, Kommentare und kritische Essays im "lichtblick", die in der Kombination aus scharfsinniger Analyse und jeweils konkreter Erfahrung einen aufschlussreichen Einblick in den Strafvollzug geben und den öffentlichen Diskurs zum Strafvollzug, sofern es ihn überhaupt gibt, bereichern oder auch konterkarieren.

Ich weiß zu schätzen, wie konsequent Sie in Ihrer Zeitung den vielen Klischees der Öffentlichkeit zum Strafvollzug entgegentreten und wie klar und eindrücklich Sie auch die Strafvollzugspolitik entlarven, die hinsichtlich der Reform des Strafvollzugs grundlegend versagt hat. Insofern bietet "der lichtblick" ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer kritischen Gegenöffentlichkeit.

Bisweilen zweifeln Redakteure und Redakteurinnen von Gefangenenzeitungen am Sinn ihres Tuns: Was können wir schon bewirken? Eine angesichts der "Unerschütterlichkeit" (Foucault) des Gefängnisses durchaus naheliegende Frage. Von vielen Menschen draußen weiß ich, wie wichtig für sie Ihre Arbeit ist. Ohne Gefangenenzeitungen oder andere schriftliche Äußerungen von Gefangenen mit ihren konkreten Erfahrungen wüssten wir draußen wenig, fast nichts. Gefangenenzeitungen wie der "lichtblick" sind ein Sprachrohr, das die Öffentlichkeit dringend braucht. Gefangenenzeitungen wie die Ihre sind ein unverzichtbarer Bestandteil einer demokratischen Öffentlichkeit.

Den Wert des journalistischen und literarischen Schreibens von Gefangenen kann ich auch an mir selbst beobachten. Ich hatte eigentlich gar keinen Bezug zum Gefängnis, als ich Ende der siebziger Jahre hörte, an der Universität Münster sei ein Seminar zur Gefangenenliteratur verboten worden. Dies war der Startschuss, mich mit diesem unbekannten Gegenstand zu beschäftigen und zusammen mit StudentInnen zu erkunden, was das denn sei: Literatur von Gefangenen. Wir lasen literarische Texte, wurden dann auch auf Gefangenenzeitungen aufmerksam, die wir bis dahin nicht kannten, besorgten diese, kamen dann auch mit Redakteuren und anderen schreibenden Gefangenen in Kontakt und waren berührt, beeindruckt, oft erschüttert und empört, was für eine uns bis dahin unbekannte Welt ganz in unserer Nähe existierte. Die Studierenden beschlossen, diese für sie so wichtigen neuen Erkenntnisse an andere weiterzugeben, und so entstand eine Anthologie zu Gefangenenzeitungen und der in ihnen erfahrbaren Welt des Strafvollzugs mit dem bezeichnenden Titel "Ungehörte Worte". Und als die Frage aufkam, wie nun weiter mit diesen Erkenntnissen umzugehen sei, beschloss ich, zusammen mit Uta Klein, eine Dokumentationsstelle für Gefangenenliteratur aufzubauen, in der die literarischen Texte und Gefangenenzeitungen systematisch gesammelt werden sollten. Natürlich konnte man nicht davon ausgehen, an einer traditionellen Universität durch die Beschäftigung mit solch einem Thema ein besonderes Ansehen zu erlangen. Aber mir war es wichtig, und das möchte ich zur Stärkung Ihres Selbstbewusstseins hier anführen, dass die Stimmen von Menschen, die abgeschottet hinter Mauern leben, gehört werden, dass ihre Texte gelesen werden und ihre Anliegen, als Menschen zu gelten und in ihren Rechten respektiert zu werden, in der Öffentlichkeit draußen wahrgenommen wird. Bei aller Verzerrung der Realität des Gefängnisses gibt es ja erfreulicher Weise auch Medien, die über Ihre schriftstellerische Arbeit und die Realität des deutschen Strafvollzugs seriös berichten.

Dazu können Sie mit Ihrer Zeitung beitragen, auch wenn Sie oft voller Zweifel sind. Im übrigen zeigt ja auch die hohe Auflage des "lichtblicks" - er hat die höchste Auflage aller deutschen Gefangenenzeitungen -, dass Sie doch eine beachtliche Öffentlichkeit erreichen. Ganz sicher trägt zu der Qualität des "lichtblicks" auch die Unabhängigkeit der Zeitung bei. Gefangene sind selbstverantwortliche Herausgeber des "lichtblicks". Bei vielen anderen Zeitungen ist der Anstaltsleiter der Herausgeber, so dass die Redaktion sich in einer gewissen, oft beträchtlichen Abhängigkeit befindet. Ihre Zeitung gewinnt ihre Souveränität nicht zuletzt aus der verantwortlichen Nutzung dieser Freiheit.

Wenn ich bisher die Wichtigkeit Ihrer Gefangenenzeitung für die Öffentlichkeit hervorgehoben habe, so will ich doch auch darauf hinweisen, mit welchem Engagement Sie sich in jeder Ausgabe von neuem sozialen und psychischen Problemen einzelner Gefangener, einzelner Gruppen und der Gemeinschaft der Gefangenen insgesamt zuwenden. Beispielhaft können dafür aus Ihrer letzten Ausgabe die Artikel über die Inhaftierung eines offensichtlich psychisch schwer geschädigten Gefangenen ("Schizophren in Gefangenschaft"), über die Situation ausländischer Gefangener in der JVA Tegel ("Arabische Inhaftierte ohne Beistand") und über aktuelle soziale und rechtliche Fragen ("Hartz IV für Inhaftierte") stehen. Über dieses Engagement können natürlich die Mitgefangenen kompetenter urteilen.

Aber für mich hat diese Form des Journalismus eine gute Ausstrahlung. Ich sehe, dass es Ihnen nicht um irgendwelche journalistischen oder politischen Eitelkeiten geht, sondern um elementare Fragen. Um die Möglichkeiten eines Lebens in Menschenwürde nach der Maßgabe unserer Verfassung auch im Gefängnis, um die ernsthafte Durchsetzung des zentralen Gesetzesziels der Resozialisierung, um das Leben im Knast unter Berücksichtigung humanitärer Maßstäbe, oft um das Überleben überhaupt. Das bedeutet dann auch eine engagierte Mitarbeit an der Veränderung der Verhältnisse des Strafvollzugs, der diese Ziele oft eher verhindert als fördert.

Es ist dies unter den gegebenen Verhältnissen des Strafvollzugs auch ein mutiger Journalismus, der nicht - wie leider in der einen oder anderen Gefangenenzeitung - opportunistischen Verlockungen oder Gefahren der Selbstzensur oder Resignation erliegt. Bisweilen ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie viel weniger draußen unter sehr viel freieren Bedingungen soziales Engagement und Zivilcourage ausgeprägt sind. Wer müsste da eigentlich mehr (re)sozialisiert werden?

Ich darf einen letzten Punkt erwähnen. Im Laufe der Jahre hat sich das Layout des "lichtblick" erfreulich verbessert. Ich lese die Zeitung, muss ich gestehen, nicht nur in düsteren Stimmungen wegen des schwer erträglichen Themas Strafvollzug, sondern auch mit Spaß. Es ist gut, dass - wie in der Kunst - der oft schwere Gehalt eingefangen ist in einer gefälligen, oft witzigen und geistreichen Form.

Sie merken, ich kann den "lichtblick" nicht genügend loben. Machen Sie weiter so. In der Vergangenheit haben sich ab und an Kontakte und kleinere Kooperationen zwischen uns ergeben. Ich würde mich freuen, wenn wir diese auch in Zukunft fortsetzen könnten.

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