Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis

Nach der Schriftstellerin Ingeborg Drewitz (1923-1986) benannt, ist dieser Preis die in Deutschland einzige literarische Auszeichnung für schreibende Gefangene.

Mit dem Ingeborg-Drewitz-Preis sollen zum einen Inhaftierte motiviert und unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen soll der Gefangenenliteratur (auch Knastliteratur genannt) mehr Öffentlichkeit verschafft und damit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug gefördert werden.

Ausgezeichnete Texte werden in einer Anthologie veröffentlicht und so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ingeborg Drewitz zu Ehren

"Daß Ingeborg Drewitz ein volles Leben gehabt hat, das zu sagen ist fast eine Binsenweisheit." So postulierte es Erich Fried am 11. Januar 1987 in seiner Berliner Gedenkrede auf Ingeborg Drewitz. Andererseits jedoch, so schränkte er ein, "stimmte es nicht ganz: Sie hat, ebenso wie Böll oder Christa Wolf oder ich, in einem Sinn kein volles Leben gehabt, weil soviel von diesem Leben damit verbracht werden mußte, Unrecht abzuwehren oder doch zu mildem und den Opfern des Unrechts zu helfen, statt einfach das Leben ...zu genießen."
Schon seit vielen Jahren mühte und engagierte sie sich - oft bis zur Erschöpfung -, in einem Prozeß standzuhalten, der öffentlich macht, was öffentlich sein sollte, aber vielfach doch eine ausgesparte Wirklichkeit, eine bewußt  unterdrückte Wahrheit blieb: die Wirklichkeit der Knäste, die Mängel der Vollzugsreform, die Entmündigung der Strafgefangenen - und unser fataler Hang zum Strafen als Akt der Gewissensentlastung.
Ingeborg Drewitz wußte um sie - und erlitt sie: die Dimensionen der Versehrungen all derjenigen, die ins Abseits geraten sind, die Deklassierung der Täter, denen man nicht zubilligen möchte, daß sie auch Opfer sind, die deprimierende Struktur des sozialen Untergrunds: davon, so klagte sie an, "davon spricht man nicht!"
Ihr alltägliches Bemühen galt einem Menschheitstraum, dem lebendigen Frieden für alle Menschen auf Erden in einem demokratischen Alltag, von dem sie überzeugt war (dennoch), daß er Gestalt annehmen könne, gelänge es nur, den einzelnen zur Verantwortung zu mahnen:
"Daran liegt mir sehr viel. Weg von der Resignation, die jeden von uns als Lebensfrage von Anfang an begleitet."
Verantwortung: Sie selber hat sich ihr nie entzogen. Nicht nur rühmlich, sondern beispielhaft über alle Maßen ihr Wirken für Autoren und Künstler in sozialer Not und existentieller Gefährdung, ihr Eintreten für einen humanen Strafvollzug und ihr persönlicher Einsatz für die Verwirklichung der Gesetzesmaxime "Resozialisierung": "Wir verschaffen uns ein reines Gewissen beim Strafen", so klagte sie an, "indem wir das Versagen dieser Gesellschaft eilfertig in die Schuld des Täters umdichten - und allen Erfahrungen zum Trotz auf Vergeltung beharren. Kann man das ändern?"  lngeborg Drewitz, die pessimistische Optimistin, die begründet Hoffende, die sich ihre Kraft zur Veränderung nicht von resignationswütigen Kleingläubigen nehmen ließ, glaubte: "Man kann!" Worte sind eine Möglichkeit, sich der Realität zu nähern. Schreibend kann sich einer seiner selbst vergewissern. Schreibend kann er Auskunft einholen über sich selbst, kann protestieren, informieren, sich ausdrücken, Echo abfordern, den Widerstand gegen das geplante Schweigen organisieren, gegen bürokratische Willkür und institutionelle Trägheit. Schreiben kann Ventil sein, Mutprobe, Aufschrei, Stabilisierungsmoment, Hinweis auf die Existenz, Notruf, Appell, Warnung, Kontaktfaden, Überlebenstraining.
"Die Zahl der Gehandicapten in unserer Gesellschaft", so Ingeborg Drewitz ' Prämisse, diese Zahl "ist groß, viel zu groß. Es gibt erschreckend viele unter uns, die nie gelernt haben, sich auszudrücken, sich 'frei' zusprechen, ihre legitimen Bedürfnisse anzumelden und einzuklagen, ihr Recht zu fordern ... Sie leben in Fallen, straucheln, wehren sich unangepaßt, versuchen den aufrechten Gang und stolpern zu oft über immer wieder sich vor ihnen auftürmende Barrieren. Kann man das ändern, können wir das ändern?"
"Schreiben im Gefängnis": Ingeborg Drewitz wußte sehr wohl auch um die Risiken dieses Konzepts - und dennoch fragte sie sich immer zuallererst: "Ist es ein Versuch ... , Ersatztherapien zu schaffen?
Oder ein Prozeß, der die Entmündigten der Gesellschaft zur Mündigkeit, zur Selbstartikulation führt? Ein Prozeß auch, der öffentlich macht, was öffentlich sein sollte: daß die in der Haft unseres Vertrauens, nicht aber unserer Verachtung bedürfen; daß ihr Scheitern und unser Scheitern vielleicht graduell verschieden sind, weil wir entweder aus sozial stabileren Familien kommen oder befähigter sind, uns einzufügen, anzupassen, unsere Leidenschaften zu kontrollieren; weil wir uns den Zweifel an moralischen Kategorien nicht gegönnt haben; weil wir mehr Glück hatten (Glück als Chance, uns zu behaupten, verstanden); und vielleicht auch, weil wir uns besser durchzumogeln verstanden haben."
Erich Fried am 11.1.87 in der Berliner Akademie der Künste, Ingeborg Drewitz ' gedenkend:
" ... an Ingeborg Drewitz denken heißt auch, sich nicht nur in Gedanken an den Tod verlieren, der natürlich ohnehin das Fremdeste und schlechthin Unfaßbare für uns bleibt, sondern auch daran zu denken. wie Ingeborg Drewitz gearbeitet und gekämpft hat: gegen den Untergang in einem neuen Krieg und gegen den Untergang von Menschen in unserer Gesellschaft, gegen den Untergang von Gefangenen, gegen den Untergang von kaum geduldeten Ausländern, gegen den Untergang von allen. die durch Ausweisung oder durch Einweisung, durch Atomkrieg oder durch die Form unseres Friedens, der keiner ist, zum Untergang hingedrängt und von diesem Untergang bedroht werden. Und an Ingeborg Drewitz denken heißt: diese Arbeit, diesen Kampf, in dem sie uns jetzt bitter fehlt, fortsetzen ... !"

Johann Peter Tammen