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Wenn Wände erzählen könnten

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Wenn Wände erzählen könnten.

Wenn Wände erzählen könnten

Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene (Hg.)

agenda Verlag, Münster 1999.

ISBN: 3-89688-062-4


"Wenn Wände erzählen könnten..." - So lautet das Motto des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 1999. Was wirklich im Knast geschieht, weiß draußen kaum jemand. Die prämierten Texte berichten vom Leben hinter den Mauern, von Gefühlen, Hoffnungen, Träumen, Sehnsüchten und Ängsten. Sie geben Aufschluß über Mißstände in der Haft und über Versäumnisse der Justiz, der es offenbar nicht gelingt, die Forderungen des Gesetzes einzulösen. In den von einer namhaften Jury ausgezeichneten Erzählungen, Gedichten, Erfahrungsberichten und Tagebuchaufzeichnungen werden mannigfaltige Formen von Widerstand sichtbar. Die Texte sind anregend und provozierend - für die Autorinnen und Leserinnen gleichermaßen.

„Je länger er in der Isolationszelle saß, um so mehr fürchtete er die Wand mit der Tür. Die Fensterwand hingegen redete Klartext. Sie schenkte ihm ein Stückchen Himmel, zuweilen einen Vogel, der unter den Wolken durchsticht, und nächtens ein paar Sterne. Das vergitterte Loch in der Wand erinnerte Olaf beständig daran, daß die Welt groß und seine Zelle klein war. Die dicken Eisenstäbe unterlegten die Botschaft von Leben und Freiheit mit einer sarkastischen Note. Im Krieg, so dachte Olaf, kommt das Ende in Form von Eisen ins Fleisch. Im Zuchthaus erstickt das Eisen die Seele."

(Harry Buttersooner)

Zum Geleit

Martin Walser

Sich schreibend behaupten

Ein Gedicht in diesem Buch, geschrieben von N.N. Schwarz, hat den Titel »Gespräch«. Bestritten wird dieses »Gespräch« in vier Zeilen von zwei Stimmen.

ich schreibe gedichte
um nicht verrückt zu werden
wenn du gedichte schreibst
bist du schon verrückt.

Die bei Lesern beliebte, bei Autoren weniger beliebte Frage, wie autobiographisch etwas Geschriebenes sei, wird bei Autoren, die im Gefängnis schreiben, unversehens sinnvoll. Man möchte ja viel zu schnell annehmen, daß Gefangene, die schreiben, sich ihre Sätze eher von der Lebenslage diktieren lassen als die allen möglichen und eingebildeten Freiheiten ausgesetzten Autoren draußen. Die gefangenen Autoren schreiben gegen ihre Lage an, aber nicht dadurch, daß sie einfach abbilden oder nacherzählen. Wenn auf knapp 5 Seiten 45 Haftjahre erzählt, ja, ausgedrückt werden, so lakonisch schaurig wie herzzerreißend prägnant und auch noch poetisch, dann kann das wohl kaum durch eine Imitation der Wirklichkeit gelingen, sondern eben durch nichts als Einbildungskraft. »Persona non grata« überschreibt Harry Buttersooner die 5 Seiten über die 45 Haftjahre. und so fängt er an:
»Olaf Perle hat viele Menschen getötet in seinem Leben. Die meisten davon im Krieg, aber das zählt nicht. Was zählte, war der Tod eines Studenten, der Olafs Mädchen während einer Feier zur Gründung der Bundesrepublik unter den Rock gefaßt hatte.. Nach zwei Jahren Haft hat Olaf gelernt, »sich mit seinen vier Wänden zu unterhalten. Er fand heraus, daß jede eigene Geschichten erzählte und ihr eigenes Gesicht hatte.« Ohne solche Einbildungskraft bliebe wahrscheinlich nach 45 Jahren von einem Menschen nichts übrig, was noch diesen Namen verdiente.
Wenn jemand aus der Justiz diese oft grausam hart daherkommenden Texte liest und vielleicht sagt: Was hier über den Strafvollzug geschrieben wird, entspricht nicht der Strafvollzugspraxis. so geht es in den Gefängnissen nicht zu!, dann wäre ihm zu antworten: Aber daß überhaupt solche Texte von Gefangenen geschrieben werden, das sagt viel über den Strafvollzug. Die Gefangenen schreiben nicht über den Strafvollzug, sondern gegen ihn. Sie müssen sich behaupten gegen die Bedingungen. Was ihnen dazu einfällt, ist zwar ganz und gar Gefangenenstoff, aber was sie aus diesem Stoff machen, ist meistens nicht mehr Bericht, sondern Entgegnung. Gut, oft ist es vielleicht Zusammenzählen dessen, was am meisten wehtut. Aber eben so oft ist es der Versuch, sich im krassen Ausdruck gegen die krasse Situation zu behaupten. Sprachlich darüber zu stehen. Spüren, daß man, wenn man unter der Einwirkung der Knastbedingungen schreibt, über diese Bedingungen Herr wird. Und das wird man weniger durch Bericht über den Knast als durch den Ausdruck dessen, was der Knast aus einem gemacht hat. Der Leser spürt den Willen zur Form unter fast gar allen Umständen.
   »Heute brach mein Herz aus Stein« heißt eine Erzählung von Karl H. Ein Gefangener muß beziehungsweise darf mit einer »tonnenschweren Stahlbirne« ein Gefängnis zerschlagen, in dem er selber gesessen hat. In einer vollkommen schönen Fügungsfolge rettet er dabei das Tagebuch eines anderen Gefangenen davor, noch von irgendeinem Menschen gelesen zu werden. Eine wirklich romantische Fügung, die dadurch, daß sie einem romantisch vorkommen darf, nichts von ihrer Härte verliert.
Der Leser erlebt in der hochformalisierten Zertrümmerung der früheren Haftanstalt die Stärkung des Bewußtseins beziehungsweise der Seele des Gefangenen, wenn der, als Schreibender, seine eigene Ausdrucksfähigkeit, also seine Antwortfähigkeit erlebt. Der Gefangene gibt zurück. Er ist, solange er schreibt, nicht nur Objekt des Strafvollzugs, sondern Subjekt seiner Geschichte. Solange er schreibt, ist er Herr des Verfahrens. Und manchmal kommt da staunenswerte Literatur zustande, die man liest, ohne noch an den Knastbonus zu denken.
   Schreiben, um nicht verrückt zu werden, aber ahnen, daß du schreibend schon eine Welt voraussetzt, die dich wahrnimmt, dir zuhört, dich, wie du es verdienst, achtet, und das ist eine verrückte Voraussetzung. Der, der sein Dasein ganz dieser Voraussetzung ausliefert, ist zumindest kein ganz gewöhnlicher Gefangener mehr. Einfach durch diese Notwendigkeit, sich in den Ausdruck zu retten, anstatt sich einfach verwalten zu lassen, bis die Knastuhr abgelaufen ist.
Aber jetzt habe ich das sinnstiftende Gedicht, das »Gespräch« benannt ist, doch zu verständnissüchtig ausgeschlachtet. So wie es da steht, hält es eine schöne, eine vollkommen wirkende Balance. Daß ausgedrückt ist, was es heißt, im Knast zu schreiben beziehungsweise überhaupt zu schreiben, dieser Sinn entsteht nur, wenn wir beide im Gedicht laut werdende Stimmen zugleich hören, in ihrem Widerspruch bestehen lassen und nicht eine klüger sein lassen wollen als die andere. Die Widerspruchsspannung muß erhalten bleiben.

Bei Hölderlin heißt es:
      »Viel hat erfahren der Mensch ...
      Seit ein Gespräch wir sind
      Und hören können von einander.«

Hören wir diesem »Gespräch« dauerhaft zu:
      ich schreibe gedichte
      um nicht verrückt zu werden
      wenn du gedicht schreibst
      bist du schon verrückt.

Kontextspalte

Literatur hinter Gittern

Deutschlandfunk Das Feature vom 14.08.2015

"Niemand kann es weiter bringen als zu sich selbst"
Zur Sendung ...

Schreiben in Haft

Deutschlandfunk Das Kulturgespräch am 14.08.2015

Beschäftigung? Resozialisierung? Kunst?
Zur Sendung ...

Preisverleihung Ingeborg - Drewitz - Literaturpreis für Gefangene

Zum neunten Mal wurde der Ingeborg - Drewitz - Literaturpreis für Gefangene vergeben.

Die Preisverleihung hat am 19. April 2015 stattgefunden.

Für die Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 2014/15
hat Peter Zingler die Schirmherrschaft übernommen.

Ort der Preisverleihung:

Kommende Dortmund
Brackeler Hellweg 144, 44309 Dortmund

Das Thema der diesjährigen Ausschreibung lautete:

Gemeinsam einsam
GemEinsam

Ausschreibung

Der Förderkreis

Wir fordern freien Internetzugang für Gefangene!

Gleiches Recht für alle!
Freier Zugang zum Internet
als Menschenrecht
auch im Knast!

Aufruf des AkS an alle bundesweit erscheinenden Gefangenenzeitungen und an seine Mitglieder drinnen und draußen, an Justizbehörden, Politik und die Medien.

Aufruf zur Unterstützung der Kampagne