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Fesselballon

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Fesselballon.

Fesselballon

Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene (Hg.)

edition villon im Daedalus Verlag, Münster 1992.

ISBN: 3-89126-804-1

Zum zweiten Mal wird für 1991/92 der »Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene« vergeben. Aus 700 eingesandten Beiträgen wählte die Jury Texte von 3 Autorinnen und 14 Autoren aus.

Vorwort

Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene wird nach
1989 zum zweiten Mal verliehen. Zum einen sollen, so die
Zielsetzung des Preises, Inhaftierte motiviert und unterstützt
werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen
soll den Texten von Gefangenen mehr Öffentlichkeit verschafft
und damit eine kritische Auseinandersetzung mit dem
bundesdeutschen Strafvollzug gefördert werden. Wer kennt
schon die Situation der Gefangenen hinter den Mauern, die
Wirkung des Strafvollzugs auf die einzelnen Gefangenen, wer
hört ihnen zu und liest ihre Texte, in denen die alltägliche
Gefängnissituation so authentisch wie nirgends sonst erfahrbar
ist? Ingeborg Drewitz (1923 - 1985) besaß die Gabe und Geduld,
den Gefangenen zuzuhören, ihre Texte zu lesen, mit ihnen in
ein Gespräch zu kommen. Sie nahm sich trotz ihrer vielfältigen
Engagements die Zeit, den Gefangenen beim Schreiben und
Publizieren zur Seite zu stehen.
   Die vorliegende Anthologie enthält 18 Texte von 14 Autoren
und 3 Autorinnen (das Hörspiel „Fesselballon“ entstand als
Kollektivarbeit), die von der Jury als besonders wertvoll befunden
wurden. Insgesamt haben sich an dem Preis 192 AutorInnen mit
über 700 Texten beteiligt. Erstmals konnten auch Gefangene der
ehemaligen DDR miteinbezogen werden. Auch diesmal verlief
die Ausschreibung des Preises nicht ohne Probleme. Uns ist
bekannt geworden, daß in einer Reihe von Gefängnissen die
Ausschreibungstexte durch die Anstaltsleitung nicht weitergereicht,
die Plakate nicht aufgehängt worden sind. Ob dies am
bürokratischen Schlendrian oder an der Angst vor einer kritischen
Öffentlichkeit liegt, ist im einzelnen schwer zu entscheiden.
Wenn trotzdem eine so große Anzahl von Texten eingegangen
ist, zeugt das von einem beträchtlichen Interesse der Gefangenen.
Es ist nicht zuletzt der große seelische Druck, oft auch die
Verzweiflung, durch die sich Gefangene - sehr häufig noch ohne
jede Schreiberfahrung - zum Schreiben gedrängt fühlen. Hilfreich
waren bei der Verbreitung der Ausschreibung die Redaktionen
der Gefangenzeitungen, von denen es in Deutschland
gegenwärtig ungefähr 40 gibt, und eine Reihe von Gruppen und
Einzelpersonen, die sich für die Gefangenen engagieren.
   Das Thema der Ausschreibung lautete Beziehungen. Zur
Erläuterung hieß es: »Gemeint sind Beziehungen nach drinnen
und draußen, zu Beamten und Gefangenen, amtliche und
persönliche, Zerstörung von Beziehungen, Liebe, Sexualität,
Freundschaft.. Zu all diesen Stichworten finden sich in den
Texten dieser Anthologie fikitve oder dokumentarische Schilderungen.
Sie sind durchgängig getragen vom Tenor der Klage
und Anklage. Es bleibt den Leserinnen überlassen, sich im
einzelnen ein Bild von der Gefängnisrealität heutzutage und
ihrer Wirkung auf die Inhaftierten zu machen. Aber es läßt sich
nicht übersehen, daß diese Realität - durchgängig auch in den
vielen hundert Texten, die leider nicht abgedruckt werden
konnten - der Idee einer humanen Gesellschaft hohn lacht.
   Wenn vom Absterben der Gefühle, verkrüppelten Seelen, der
Zerstörung des Ich, von Angst und Verfolgungswahn,der
existentiellen Resignation bis zu Suizidgedanken die Rede ist
und noch in der humoristischen Beschreibung der Zellenmaus
die Traurigkeit der Vereinsamung durchscheint, ist dies eine
Wirkung des gegenwärtigen Strafvollzugs, die dem erklärten Ziel
des Strafvollzugsgesetzes widerspricht: die Gefangenen werden
lebensuntauglich gemacht, statt dazu befähigt, in der gesellschaftlichen
Realität Fuß zu fassen. Es stellt sich gewiß die Frage
nach der Schuld der Gefangenen, aber es stellt sich nicht minder
die Frage nach der Schuld und nach der Verantwortung für die
strukturelle Inhumanität des Strafvollzuges. Teils scheint die
konkrete Vollzugspraxis gesetzeswidrig zu sein, teils ist die
schlechte Praxis im Gesetz bereits fixiert. Wenn es, um ein
Beispiel zu nennen, im § 24 des Strafvollzugsgesetzes heißt, die
Gesamtdauer des Besuchs im Monat (l) betrage mindestens
eine(!) Stunde, so bedeutet dies bereits die gesetzliche Zerstörung
jeder sinnvollen Kommunikation. Nicht zufällig behandeln
mehrere der prämierten Texte das Thema Besuch.
   Wenn die meisten Texte die Misere des Strafvollzugs aufdecken
und beklagen, so gibt es doch auch kleine Beispiele des
Widerstandes. Schreiben selbst ist bereits eine Form, sich gegen
die Zerstörung der Person zu stellen. Gleichwohl gibt es bewußte
Formen des Protestes und praktischen Widerstehens, der
Auseinandersetzung und aktiven Umgestaltung des
Gefängnisalltages, als dies in den leiseren Texten dieses
Wettbewerbs sichtbar wird. Es ist vorgesehen, dies zum Thema
der nächsten Ausschreibung zu machen.
   Die Jury hat es angesichts der Art der Texte als sehr schwierig
empfunden, exakte Beurteilungskriterien zu definieren. Auf der
einen Seite ist der Ingeborg-Drewitz-Preis ein Literaturpreis, der
sich insofern an literarischen Kriterien (was immer dies heißt)
orientiert. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Texten,
die jenseits spezifischer Literazität durch ihre Authentizität
außerordentlich beeindrucken. Letztere sind die für das Schreiben
von Gefangenen sogar typischeren Texte. Die Jury hat, obschon
prinzipiell auf die Förderung literarischen Schreibens bedacht,
neben dem Kriterium der literarischen Qualität auch das der
Authentizität gelten lassen. Die Schwierigkeit der Maßstabsbildung
scheint im Genre der Gefangenenliteratur begründet zu
sein.
   Die Gattungsfrage war in der Ausschreibung offen gelassen,
von der Tagebuchnotiz, der Reportage, der realistischen oder
phantastischen Erzählung, der Satire und dem Brief bis zum
Hörspiel entfaltet sich eine breite Palette unterschiedlicher
Formen. Gedichte von herausragender Qualität waren - im
Unterschied zu letzten Preisvergabe - diesmal nur wenige zu
finden. Da es grundsätzlich auch sehr gute Lyrik von Gefangenen
zur Thematik gibt, haben wir ein »Schaufenster« eingerichtet, in
dem solche Texte außerhalb des lngeborg-Drewitz-Preises - zur
Information der Öffentlichkeit und zur Anregung für schreibende
Gefangene - abgedruckt sind.
   Die Preisverleihung findet unter der Schirmherrschaft von
Friedrich Magirius (Superintendent der Nicolaikirche, Stadtpräsident
von Leipzig) und Hans Schwier (Kultusminister des
Landes Nordrhein-Westfalen) zu Anfang des Jahres 1992 in
Dortmund statt. Zu hoffen ist, daß alle Preisträgerinnen die
Genehmigung ihrer Anstaltsleitung zur Teilnahme erhalten. Sie
war bei der letzten Preisverleihung bayrischen Preisträgerinnen
verwehrt worden. Mindestens in einem Gefängnis wurde dort
auch die Aushändigung der Anthologie »Risse im Fegefeuer-
(Reiner Padligur Verlag) an einen Preisträger verweigert.
...

Helmut Koch, Mitglied der Jury

Kontextspalte

Literatur hinter Gittern

Deutschlandfunk Das Feature vom 14.08.2015

"Niemand kann es weiter bringen als zu sich selbst"
Zur Sendung ...

Schreiben in Haft

Deutschlandfunk Das Kulturgespräch am 14.08.2015

Beschäftigung? Resozialisierung? Kunst?
Zur Sendung ...

Preisverleihung Ingeborg - Drewitz - Literaturpreis für Gefangene

Zum neunten Mal wurde der Ingeborg - Drewitz - Literaturpreis für Gefangene vergeben.

Die Preisverleihung hat am 19. April 2015 stattgefunden.

Für die Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 2014/15
hat Peter Zingler die Schirmherrschaft übernommen.

Ort der Preisverleihung:

Kommende Dortmund
Brackeler Hellweg 144, 44309 Dortmund

Das Thema der diesjährigen Ausschreibung lautete:

Gemeinsam einsam
GemEinsam

Ausschreibung

Der Förderkreis

Wir fordern freien Internetzugang für Gefangene!

Gleiches Recht für alle!
Freier Zugang zum Internet
als Menschenrecht
auch im Knast!

Aufruf des AkS an alle bundesweit erscheinenden Gefangenenzeitungen und an seine Mitglieder drinnen und draußen, an Justizbehörden, Politik und die Medien.

Aufruf zur Unterstützung der Kampagne